Von Käseplatten und Anzeigetafeln - ein Besuch in den Schweizer Wissenschaftsredaktionen

Ein Bildungsreisebericht zu den Wissenschaftsredaktionen von NZZ und SRF
von Michael Brendler und Lars Fischer

Auf dem Dach des Hauses mit Blick auf den Zürichsee. V. l.: Helga Rietz (NZZ), Christine Pander, Michael Brendler, Lars Fischer, Eva Wolfangel, Nicola Wettmarshausen, Susanne Rytina, Helmine Braitmaier, Judith Rauch, Markus Wanzeck.750 Euro - was soll man mit diesem Zuschuss aus der Zentrale als WPK-Regionalgruppe anfangen? Im Südwesten war die Antwort schnell gefunden: Man investiert sie in eine Bildungsreise. Schließlich locken nur wenige Stunden Autofahrt gen Süden nicht nur sehenswerte journalistische Institutionen wie die Neue Zürcher Zeitung und das Schweizer Radio und Fernsehen, sondern auch ausgesprochen attraktive Kunden. Von Honoraren, wie sie eidgenössische Wochenzeitungen manchmal zahlen, wagt in Deutschland ein freier Journalist schon lange nicht mehr zu träumen. Dementsprechend viele Kollegen waren schnell bereit, ein bis zwei Tage für den Trip nach Zürich und Basel zu investieren. Bedauert hat das keiner. Dazu hat sicherlich beigetragen, dass nicht nur die Schweizer Zeilensätze einmalig sind, auch die dort erlebte Gastfreundschaft wird in deutschen Redaktionen wahrscheinlich ihresgleichen suchen. Gleich drei Redaktoren, wie es auf Schweizerdeutsch heißt, hatten sich bei der Neuen Zürcher Zeitung für den Empfang der deutschen Kollegen ein, zwei Stunden Zeit genommen. Schweizer Käse steigert die Aufmerksamkeit der deutschen Wissenschaftsjournalisten für die Belange der Wissenschafts-Redaktionen der Neuen Zürcher Zeitung und der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag.Die Kollegen von der NZZ am Sonntag schauten ebenfalls für einen längeren Imbiss vorbei. Versteht sich fast von selbst, dass auch der sich sehen lassen konnte: Schnittchen, Quiche, dazu eine üppige Käseplatte - ähnlich opulent wurden freie Mitarbeiter wahrscheinlich zuletzt beim Spiegel in den fetten 1980er Jahren umworben. Leserschwund, Anzeigenmangel, die zusätzlichen Anforderungen des Onlinegeschäfts - die Stressoren für die Journalisten sind auf beiden Seiten der Grenze dieselben. In der Schweiz, so der Eindruck, versucht man angesichts der neuen Herausforderungen aber ein bisschen mehr die Ruhe und die guten Umgangsformen zu bewahren.

Im Prozess: Die aktuellen Artikel der Sonntagsausgabe der Neuen Zürcher ZeitungAuch im Arbeitsalltag: Die Newsroom-Präsenz-Pflicht gilt bisher nur eingeschränkt, lockerer als gewohnt gestaltet sich auch das Online-first-Prinzip. Und die Qualitäten, die die Redaktionen bei ihren freien Mitarbeitern suchen, würden wohl längst nicht mehr alle Konkurrenten so formulieren: Vertraut mit ihrem Fachgebiet und Thema, stets mit inhaltlicher Tiefe, kontinuierlich die eigenen Themen weiterverfolgend, Nähe zur Wissenschaft - lautet das Anforderungsprofil der NZZ-Wissenschaftsredaktion an ihre Autoren. „Wir sind bewusst und gewollt nahe an der Forschung dran“, heißt das Leitmotto, und dementsprechend soll die Berichterstattung auch recht strikt an aktuelle News und Fachzeitschriften-Veröffentlichungen gebunden sein.  Ganz anders dagegen das Wochenblatt: Hier wünscht man sich guten Lesestoff, der nicht unbedingt immer aktuell sein muss, aber gerne mal ein Thema umfassend zusammenfasst. Helga Rietz erklärt den Seitenaufbau.

Das traditionelle Redaktionsgebäude in attraktiver Innenstadtlage wurde - entgegen den Gewohnheiten der Branche - ebenfalls noch nicht an Immobilieninvestoren verscherbelt. Wäre auch schade drum: Ressortleiter-Konferenz am großen runden Tisch zwischen holzgetäfelten Wänden in einem altehrwürdigen Raum mit Blick auf den See, so ein Ambiente kann durchaus inspirierend wirken. Und wer möchte nicht seinen Abschieds-Apéro mit einem alten Kollegen einmal in einem solchen Raum trinken. 

Das Symbol für die andere Seite des Spagats zwischen Tradition und Moderne präsentiert sich an der Stirnwand des Newsrooms: Vor allem für die Online-Redaktion relevant: Die aktuelle Statistik der Homepage.Eine riesige Anzeigetafel, die stets aktuell die Hitliste der  am häufigsten angeklickten Online-Artikel anzeigt, einschließlich aktueller Trends mit Auf- und Absteigern. Dazu eine Kurve der Up and Downs der Nutzerzahlen samt Information darüber, wie die User zur NZZ fanden - das hilft nicht nur, die richtigen Texte noch ein bisschen zu tunen, das machte auch bei den Besuchern Eindruck, ähnlich wie die Wände schmückende Ahnengalerie der Herausgeber und Chefredakteure aus 237 Jahren Neue Zürcher Zeitung. Und das Beste: Um die kommenden Jahre weiter ähnlich erfolgreich zu gestalten, ist Hilfe herzlich willkommen - auch von neuen freien Mitarbeitern.    Posieren für den SRF. V. l.: Lars Fischer, Katrin Zöfel (SRF), Susanne Rytina, Judith Rauch, Nicola Wettmarshausen, Helmine Braitmaier, Leonie Seng
Schweizer halten Deutsche wahrscheinlich für unsäglich schlechte Autofahrer. Wenn man nicht daran gewöhnt ist, das auch auf großen, unübersichtlichen Kreuzungen strikt rechts vor links gilt, ist der Verkehr in Basel eine gewisse Herausforderung. Der Schweizer als solcher ist allerdings sehr zuvorkommend, auch wenn er eigentlich Vorfahrt hätte. Zum Gebäude des SRF fährt man dann auf übersichtlicheren Wegen den Hang hoch zu dem ruhig gelegenen Radiogebäude. In Empfang genommen hat die WPK-Truppe Thomas Häusler, Redaktionsleiter und Wissens-Redaktor (um die schweizerische Diktion zu verwenden) beim Radiosender SRF 2 und WPK-Mitglied Katrin Zöfel. Beide gehören zum Redaktionsteam des jeden Samstag ausgestrahlten Wissenschaftsmagazins bei SRF 2. Die Sendung wird allerdings - aus Kostengründen, die man auch in der Schweiz kennt - schon am Freitag aufgezeichnet. Für uns eine gute Sache, die Produktion haben wir uns am Nachmittag vor Ort angesehen. Zuvor allerdings die aus Freien-Sicht dringenderen Fragen: Wie muss ein deutscher Beitrag klingen, um in der Schweiz verkäuflich zu sein, wem schickt man die Angebote und wie wird das dann bezahlt? 

Aufmerksames Zuhören beim Schweizer Radio und FernsehenAußerdem gelernt: In der Schweiz regt man sich selten auf, dann aber richtig. Und zwar über die Rundfunkgebühr, die zu einem Großteil an das SRF geht und von dem der SRF wiederum (wie in Deutschland) finanziell komplett abhängig ist. Erst 2015 hat das Land per Volksabstimmung die Abgabe auf das deutsche Modell umgestellt, jetzt soll sie mit einem neuen Votum ganz abgeschafft werden. Man darf gespannt sein. Nach dem Mittagessen in der Betriebskantine - mit Kunst am Bau nach dem Modell Grundschule aus den 70ern - und einem eingeschobenen Ausflug zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Basel (Münster, Rathaus, Schokoladenregal im Migros) dann die Aufnahme des Wissenschaftsmagazins. Bei SRF 2 produziert man die Sendung vor, allerdings als Live-on-tape-Aufnahme, so dass es tatsächlich wie eine Live-Sendung klingt. Abgesehen davon, dass die Sprecherin Katharina Bochsler bei jedem Verhaspler neu ansetzt - die entsprechenden Stellen schneidet der Tontechniker direkt nach dem Ende der Aufnahme. Die Sendung kann man, wie anscheinend die meisten SRF-Produktionen, auf der Webseite als Podcast nachhören. Die WPK-Gruppe hätte gegebenenfalls noch einen Blick auf das Social-Media-Team vor Ort werfen können, hat aber dann demokratisch beschlossen, sich in den schweizerischen Feierabendverkehr zu stürzen. Wir sind ihm lebend entronnen: Schweizer Autofahrer bestehen nicht auf ihrer Vorfahrt.