Zoonosen - Erreger aus dem Tierreich

EHEC-Bakterien

EHEC-Bakteriencopyright: Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

13.07.2011 | Berlin

Wie gefährlich sind Zoonosen heute? Seit einigen Jahren macht die Vogelgrippe Schlagzeilen. Zum Glück springt sie eher selten auf den Menschen über. Doch wenn, dann macht sie schwer krank. 2009 folgte die Schweinegrippe und nun das Darmbakterium Ehec. Noch diskutieren die Experten, woher der Erreger 0104:H4 eigentlich stammt. - Welche Zoonosen könnten künftig auf uns zukommen? Lassen sich Epidemien vorhersagen, und liegen schon Notfallpläne in der Schublade? Haben wir aus vergangenen Erregerwellen gelernt, und wer ist wann zuständig?

Diese und andere Fragen möchten wir gerne mit Ihnen und den folgenden Experten diskutieren:

Moderation:
Volkart Wildermuth (WPK), freier Wissenschaftsjournalist

Termin:
Mittwoch, 13. Juli 2011, 14 Uhr

Ort:
Konferenzraum der Springer Science+Business Media, Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin

 

Zusammenfassung der Veranstaltung

"Pest, Vogelgrippe, Ehec - was erwartet uns morgen?“ - fragte die WPK im Hintergrundgespräch am 13. Juli 2011 in Berlin. Gerade erst war die Zahl der Ehec-Erkrankungen einigermaßen abgeebbt. Die Gefahr, dass sich Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen übertragen - so genannte Zoonosen -, bleibt nach Ansicht der Experten in der Runde präsent.

Der Bakteriologe Georg Baljer vom Institut für Hygiene und Infektionskrankheiten der Tiere an der Universität Gießen sieht den Übertragungsweg über verunreinigte Lebensmittel an erster Stelle. Im Nutztierbereich gebe es ein großes Reservoir an Erregern wie Campylobacter, Noro und eben auch E.coli. "Unser Problem ist, dass die Erreger bei den Nutztieren oft keine Erkrankung auslösen, sondern als 'stille Infektionen‘ in den Tieren ablaufen“, so Baljer. Damit werde auch die Bekämpfung problematisch. Zoonotische Erreger zeigten eine enorme Vielfalt, der Darmtrakt von Wiederkäuern beherberge zahlreiche mögliche Erreger und wirke wie ein kleiner Bioreaktor, in dem sich ständig verschiedene Mikrobengene mit potentiellen Krankheitsgenen durchmischen. So habe sich an das eigentlich harmlose E.coli-Bakterium ein gefährliches Shiga-Toxin-Protein angeheftet. Wegen der großen Vielfalt und der ständigen Variation sei auch die Produktion eines allgemein wirkenden Impfstoffes so gut wie unmöglich.

Christian Drosten vom Institut für Virologie an der Universität Bonn erklärt, dass es noch sehr viele offene Fragen bezüglich der Erreger und der Infektionswege gebe. Der Virologe befasst sich weniger mit Nutztiererregern vor Ort, sondern forscht in Afrika und Südostasien, welche Tiere verschiedenen Erregern als Infektionsreservoirs dienen. So hat er südostasiatische Flughunde als Träger von Henipa-Viren ausgemacht, die auch dem Menschen gefährlich werden können. Auf die Frage des Moderators Volkart Wildermuth, ob man einem Virus das Gefahrenpotential ansehen könne, antwortet Drosten, dass es bisher lediglich einige Anhaltspunkte und Merkmale gebe. Doch für Vorhersagen und Prognosen reichten die bisherigen Werkzeuge nicht aus. Man laufe den Ereignissen gewissermaßen hinterher und könne nur reagieren. Darum sei die Grundlagenforschung auf diesem Gebiet enorm wichtig. Im Rahmen eines neuen DFG-Projektes wird sich der Virologe mit so genannten Virulenzfaktoren im Erbgut der Erreger beschäftigen. Diese sorgten z.B. dafür, dass im Bauplan der Viren bestimmte "kritische Proteine" auftauchen, die mit darüber entscheiden, ob der Erreger für den Menschen eine Gefahr darstellt.

Nach Meinung von Martin Groschup vom Friedrich-Loeffler-Institut könne die Klimaerwärmung das Gefahrenpotential von Krankheitserregern in Mitteleuropa zukünftig erhöhen. "In Deutschland sind wir momentan noch relativ sicher, aber wir müssen damit rechnen und uns vorab damit auseinandersetzen, wie wir mit exotischen Viren-Infektionen umgehen und wie wir ihnen vorbeugen können“, warnt der Experte. Man müsse sich jetzt vorbereiten, um im Fall einer Einschleppung die nötigen Maßnahmen und Mittel zur Hand zu haben. Gerade bei Erregern im Nutztierbereich wisse man noch viel zu wenig. Weltweit gebe es nur sehr wenige Institutionen, die für derartige Experimente aufstallen könnten. Auf der Insel Riems sei nun eine Experimentierstation im Bau, um künftig besser zu verstehen, wie Infektionen bei den Nutztieren ablaufen.

Christian Drosten ergänzt, dass für Moskitoarten als potentielle Überträger ("Vektoren“) von Krankheitserregern nicht die Durchschnittstemperatur, sondern die untere Temperaturgrenze eines Winters entscheidend sei, ob eine Population bzw. deren Nachkommen überleben können. Diese untere Temperaturgrenze habe sich tatsächlich in den letzten Jahren verändert, so dass in Südeuropa schon einzelne Fälle von Chikungunya-, Dengue-Fieber und anderen eigentlich typisch tropischen und subtropischen Krankheiten registriert wurden. "Der Klimawandel“ sei aber ein sehr großer Begriff, das müsse man sich im Einzelfall anschauen.

Klaus Stark vom Berliner Robert Koch-Institut veranschaulicht am Beispiel der Hantaviren, die 2010 eine Melderekordjahr verursacht haben, wie klimatische Veränderungen direkt und indirekt auf die Ausbreitung von Zoonosen wirken können. Hantaviren werden von Nagetieren übertragen. Der Winter davor sei sehr mild gewesen, das sei der Mäusepopulation direkt zugute gekommen, gleichzeitig wurde diese auch sehr gut ernährt, weil die Buchenmast durch die klimatischen Bedingungen besonders viel Nahrung abgeworfen hat. Die höhere Mäusepopulation habe dann wieder zu einer größeren Wahrscheinlichkeit geführt, dass Menschen mit den belasteten Mäuseexkrementen in Berührung kommen. Es gebe bei jeder Zoonose viele Faktoren, die bedacht werden müssen, die meisten Zoonosen seien dazu auch noch zu wenig verstanden.

Martin Groschup erklärt, dass die Globalisierung mit all ihren Folgen wahrscheinlich ein stärkerer Faktor für die Ausbreitung von Zoonosen sein werde: "Ein globaler Handel bringt uns mehr Vektoren. Und die Zunahme des globalen Flugverkehrs wird auch vermehrt dazu führen, dass Infizierte mit exotischeren Krankheiten nach Deutschland kommen. Bisher ist das noch kein großes Problem, aber man muss darauf achten.“

Klaus Stark will nicht bestätigen, dass die Zahl der Zoonose-Infektionen in den vergangenen Jahren dramatisch angestiegen sei. Immer wieder komme es zu einzelnen "Peaks“ bei verschiedenen Infektionen, wie z.B. bei den Hantaviren. Solche Infektionswellen erhielten bei ihren Höhepunkten starke mediale Aufmerksamkeit. In den nächsten Jahren werden es zu Ehec wahrscheinlich mehr Meldungen geben, weil die Bevölkerung und die Medien nun sensibilisiert seien. Dazu komme, dass die Labore technisch immer besser ausgestattet würden und so auch die Detektionsrate steige. Stark geht davon aus, dass die Dunkelziffer an Ehec-Erkrankungen früher deutlich größer war: "Ehec gab es früher auch schon und wird es in Zukunft auch weiter geben. Der aktuelle Ausbruchsstamm ist von außen betrachtet nicht viel gefährlicher als andere schon bekannte Ehec-Stämme“.

Eine Bestrahlung von Lebensmitteln vor dem Verzehr mache wenig Sinn, so Georg Baljer: "Natürlich kann man das machen, wir könnten alle Lebensmittel vorher auf 70 Grad erhitzen, aber wer will das schon? Salat und Rohkost könne man dann nicht mehr verzehren. Hinsichtlich der Diskussion um Entschädigungszahlungen hält Baljer - auch im Rückblick - die Warnhinweise, die getätigt wurden, für richtig: "Man muss vor jedem Risiko warnen, letztlich ist es auch die Verantwortung des Verbrauchers damit umzugehen. Wir können das Risiko nicht verschweigen. Letztlich kommen wir dann auch zu der Frage: Was ist ein Menschenleben wert? Spreche ich z.B. keine Warnung aus, damit ich keine 200 Millionen Entschädigung zahlen muss, dafür sterben aber drei Leute?“

Im Fall von Ehec kam es häufiger zu Beschwerden, dass die Kommunikation zwischen den einzelnen verantwortlichen Instituten und Behörden nicht gut funktioniert habe. Funktioniert denn die Kommunikation bei Zoonosen zwischen dem Friedrich-Loeffler-Institut und dem Robert Koch-Institut, fragt der Moderator Klaus Stark vom Robert Koch-Institut. Generell funktioniere die Kommunikation. "Klar: Je mehr Institutionen und Menschen involviert sind, desto wichtiger und schwieriger wird die Kommunikation und die Frage, wer übernimmt die Führung.“ Es gebe nicht wirklich gesetzliche Vorgaben oder Muster, wann wer zuständig oder verantwortlich sei, so Stark. Für eine föderalistische Struktur wie die der Bundesrepublik habe man aber recht schnell reagieren können. Andere Ländern hätten bei ähnlichen Krankheitsausbrüchen deutlich später reagiert. Trotzdem sei Ehec aber sicher eine Lehre gewesen, dass die Kommunikation zukünftig stärker automatisiert und koordiniert ablaufen müsse.

Martin Groschup pflichtet Klaus Stark bei, dass die Kommunikation zwischen den Instituten sehr gut funktioniere. Gerade im Bereich der Zoonosen arbeiteten die unterschiedlichen Institute und Universitäten zudem in einem Netzwerk zusammen, der Nationalen Forschungsplattform Zoonosen.

"Ist denn die Massentierhaltung grundsätzlich ein Risikofaktor für die Ausbreitung von zoonotischen Erregern?" fragt Moderator Volkart Wildermuth. Das könne man nicht pauschal beantworten, so Martin Groschup vom FLI. Wenn Erreger in Großbestände eingeschleppt würden, könnten die dort natürlich viel einfacher weitergegeben worden, die Bedingungen innerhalb der Bestände seien sicherlich besser zur Ausbreitung. Für die Schweinehaltung könne man dies aber nicht unbedingt sagen, weil Schweinebestände in der Regel stark abgeschirmt und selten draußen sind. Georg Baljer ergänzt, dass kleine Betriebe ebenso Erreger beherbergen, nur sei eben die Kontaminationsgefahr und der Infektionsdruck größer, je mehr Tiere zusammenkommen. Auf der anderen Seite seien die hygienischen Bedingungen in der Massentierhaltung sogar oft besser.