Die Gründungsgeschichte der WPK

von Jean Pütz (2011)

Der Autor ist Gründungsmitglied der WPK und war von 1990 bis 2003 Vorsitzender des Vorstands

 

Wie alles begann: Das journalistische Umfeld

In den sechziger Jahren veröffentlichte der Heidelberger Professor für Religionsphilosophie Georg Picht ein für die westdeutsche Bildungspolitik folgenschweres Werk mit dem Titel "Die deutsche Bildungskatastrophe". Seinerzeit entstanden im Fernsehen gerade die Dritten Programme. Die Politiker nahmen das gerne zum Anlass, das Bildungsfernsehen auszurufen, sozusagen den Nürnberger Trichter neu zu erfinden.

So entstand eine Unzahl von Fernsehbeiträgen mit angeblich bildendem Charakter, bis hin zum institutionalisierten Schul- und Weiterbildungs-Fernsehen. Man scheute sich nicht, Schulstunden oder Vorlesungen quasi live ins Fernsehen zu bringen. Mit Journalismus oder gar Wissenschaftsjournalismus hatte das nichts gemein. Es war Fernsehen für eine verschwindend kleine Minderheit, die das auch noch als äußerst langweilig empfand.

Vielleicht war das mit ein Grund dafür, dass der Wissenschaftsjournalismus generell in eine Krise geriet und seine Chancen auch von der schreibenden Zunft nicht richtig erkannt wurden. Bis auf wenige Ausnahmen (spezielle Fachzeitschriften) wurden diesbezügliche Berichte eher im Feuilleton versteckt.

Die Weltraumfahrt (bemannte Mondmission) sorgte zwar für einen Reportage-Boom sondergleichen. Aber dabei ging es kaum um Informationen zu Wissenschaft und Technik, eher um Hofberichterstattung. Ansonsten waren es vor allem die Pressestellen der Großkonzerne und Forschungseinrichtungen, die den Takt bestimmten. Deren Pressekonferenzen und Pressemitteilungen wurden gerne - häufig unreflektiert - aufgenommen. Auf der Strecke blieb die Glaubwürdigkeit.

 

Unzufriedenheit

Für viele überzeugte Wissenschaftsjournalisten war das eine unbefriedigende Situation. Hinzu kam, dass sie in ihren Redaktionen Grabenkämpfe austragen mussten, um überhaupt Raum für Veröffentlichungen zu erhalten. Als Fachleute wussten sie am besten, dass, damals wie heute, wichtige Weichenstellungen für die Wissenschaft und Forschung der Zukunft anstanden und dass davon nicht nur Politiker überzeugt werden mussten, sondern, in einer funktionierenden und aufgeklärten Demokratie, auch unmittelbar der Bürger.

In den 70er Jahren führten wissenschaftlich-technische Inhalte in den Publikumsmedien eher ein Schattendasein. Die Zeitungen brachten höchstens ein bis zwei Seiten pro Woche, im Hörfunk fand Wissenschaft überhaupt nicht statt, und im Fernsehen wurden die Themen bestenfalls in die - nicht sehr frequentierten - Dritten Programmen abgeschoben und zu ungünstigen Zeiten ausgestrahlt.

Es gab aber auch Ausnahmen: 1969 bekam ich vom WDR die Chance, eine eigene Naturwissenschaftliche Redaktion aufzubauen. Wir bewiesen: Das Publikum interessierte sich brennend für solche Inhalte, nur die Chefs (Intendanten, Direktoren, Chefredakteure usw.) hielten dies bestenfalls für Randnotizen.

 

Der delikate Weg zu einer "Mafia der Vernunft"

Diese für uns Journalisten frustrierende Situation führte zu einer intensiven Suche nach Abhilfe. So versuchte ich zunächst, meine Fernsehkollegen zu einer von mir so genannten "Mafia der Vernunft" zu bewegen, die die Notwendigkeit von verständlichen wissenschaftlichen Informationen in alle Bereiche des Fernsehens kolportieren sollte. Dieses Ansinnen blieb eine Fiktion, denn Wissenschaftsjournalisten sind offenbar in der Regel starke Einzelkämpfer, selbst wenn die Synergien durchaus eingesehen wurden.

Dass sich die Vernunft trotzdem durchgesetzt hat, ist dem damaligen SPD-Abgeordneten Professor Ulrich Lohmar zu verdanken. Er war seinerzeit Vorsitzender der Stiftung für Kommunikationsforschung im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. In dieser Eigenschaft lud er 1985 die bekanntesten deutschen Wissenschaftsjournalisten der Bundesrepublik nach Mayschoss an der Ahr ein. In informeller Atmosphäre wurde viel diskutiert, und es entstand die Idee, einen Verein zu gründen, der sich in Sachen Unabhängigkeit von allem bisher Dagewesenen unterscheiden sollte: eine Interessenvertretung von unabhängigen, nicht der Politik, der Industrie oder anderen Organisationen verpflichteten Wissenschaftsjournalisten.

Schon bald fanden sich weitere Interessenten, und selbst Organisationen wie der Stifterverband, die Hochschulrektorenkonferenz, die Großforschungseinrichtungen (heute Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren), das Wissenschaftszentrum NRW, die Max-Planck-Gesellschaft und die Wissenschaftsministerien von NRW und Bund waren bereit, unsere Idee tatkräftig zu unterstützen.

Besondere Verdienste hat sich damals Anna-Lydia Edingshaus erworben, die Leiterin der Bonner Redaktion von "Bild der Wissenschaft". Mit ihrem Charme und Einfühlungsvermögen konnte sie selbst skeptische Vertreter von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vom Nutzen des geplanten Projektes überzeugen. Ohne ihr organisatorisches Talent, ihre Beziehungen und ihren unermüdlichen Einsatz wäre es nie zur Gründung der WPK gekommen. Herausgehoben werden muss auch Prof. Dr. Heinz Riesenhuber, der damalige Bundesforschungsminister. Er griff niemals in unsere Überlegungen ein, aber unterstützte die Idee ohne eigennütziges politisches Kalkül.

 

Die Gründung der WPK

Am 24. Juli 1986 war es dann so weit: 23 Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten gründeten im Bonner Presseclub die "Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK) e.V."

Die Initiatoren schrieben in die Präambel der Satzung: "Die Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK) e.V. hat den Zweck, die Begegnung, das Verständnis und den Informationsaustausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit zu fördern. Sie will durch ihre Tätigkeit zu einer verantwortungsvollen, sachgerechten und unabhängigen Berichterstattung aus dem gesamten Bereich der Wissenschaft, der Medizin und der Technik in allen publizistischen Medien beitragen."

Die Gründungsversammlung diskutierte intensiv den selbst erarbeiteten Satzungsentwurf. Großen Wert legten die Gründer auf die Unabhängigkeit der WPK. Deshalb war in dem Entwurf vorgesehen, dass nur Wissenschafts- oder Technikjournalisten ohne Bindung an Pressestellen Mitglied werden konnten. Pressesprecher sollten - anders als bei vielen anderen journalistischen Vereinigungen - von einer Mitgliedschaft ausgeschlossen sein.

An diesem Passus entzündeten sich heiße Diskussionen. Aber die deutliche Mehrheit entschied schließlich, dass die Regelung unverändert in der Satzung verankert wurde - was, wie sich in den folgenden Jahren zeigen sollte, für die Glaubwürdigkeit der WPK eine wichtige Rolle gespielt hat. Etliche Kollegen der Pressestellen angesehener Forschungsinstitute wurden im Übrigen umgehend in den Kreis der Förderer der WPK aufgenommen, der jederzeit Vorschlagsrecht besitzt, aber kein Stimmrecht in der Mitgliederversammlung hat.

Die Satzung wurde mit nur einer Gegenstimme in geheimer Abstimmung angenommen.

 

Die Gründungsmitglieder

Georg Altenmüller (freier Journalist und 1.Vorsitzender der TELI, Bonn)
Claus Conzelmann (New Scientist, London)
K. Rüdiger Durth (Bonner Rundschau, Bonn)
Anna-Lydia Edingshaus (Bild der Wissenschaft, Bonn)
Frank J. Eichhorn (Stuttgarter Zeitung, Bonn)
Dr. Rainer Flöhl (FAZ und Die Neue Ärztliche, Frankfurt)
Günter Haaf (Geo, Hamburg)
Wolfgang Hausmann (NDR, Redaktion Bildung und Wissenschaft, Hannover)
Wolfgang Hoffmann (Die Zeit, Bonn)
Anatol Johansen (Deutsche Welle, Kulturredaktion, Köln)
Rainer Klofat (Deutsche Universitätszeitung, Bonn)
Wolf Dieter Michaeli (Wirtschaftswoche, Bonn)
Dr. Wolfgang Mock (VDI nachrichten, Düsseldorf)
Dr. Renate I. Mreschar (Deutscher Forschungsdienst, Bonn)
Dr. Jürgen Neffe (Geo, Hamburg)
Karl-Heinz Preuß (Deutscher Forschungsdienst, Bonn)
Jean Pütz (Leiter und Gründer der Redaktionsgruppe Naturwissenschaft im WDR-TV, Köln)
Detlef Rudel (Associated Press, Bonn)
Manfred Sieg (Sieg-Tech, Bonn)
Ralf H. Simen (Deutscher Forschungsdienst, Bonn)
Hans Jörg Sottorf (Handelsblatt, Bonn)
Dr. Dieter Thierbach (Die Welt, Bonn)
Jutta Wilhelmi (Freie Journalistin)

 

Der erste Vorstand

Anna-Lydia Edingshaus (Vorsitzende)
Dr. Rainer Flöhl
Jean Pütz
Hans Jörg Sottorf
Günter Haaf

 

Das Kuratorium

Die finanzielle Unabhängigkeit der WPK wurde durch einen hohen Mitgliedsbeitrag erreicht. Aber er wäre unerschwinglich geworden, wenn wir uns nicht die Institution eines Kuratoriums hätten einfallen lassen. Obwohl es uns Journalisten keinerlei Weisungen erteilen kann, trägt es bis heute immerhin fast zur Hälfte zur Finanzierung der WPK bei. Dadurch wurde die WPK weitgehend von Spenden unabhängig, was sicherlich zur Glaubwürdigkeit erheblich beigetragen hat.

Das Kuratorium der WPK hat sich in einer anderen Weise auch als idealer Partner erwiesen, weil die Erfahrung der handverlesenen Kuratoren, die in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen, das Ansehen und die Schlagkraft der WPK erheblich gesteigert haben.

 

Die ersten Pressekonferenzen

Nomen est Omen, der Name "Wissenschafts-Pressekonferenz" sollte Programm werden: Die von der WPK initiierten Pressekonferenzen, mit teils brisanten Themen, fanden anfangs fast wöchentlich statt. Das Wissenschaftszentrum Bonn ermöglichte durch eine faire Miete die Einrichtung eines Büros und stellte auch jeweils einen Konferenzraum zur Verfügung.

Es war vor allem die Initiative von Anna-Lydia Edingshaus, dass die WPK auch gesellige Veranstaltungen organisierte, zum Beispiel einige Sommerbälle in der Redoute in Bad Godesberg. Diese trugen mit dazu bei, dass der innere Zusammenhalt gestärkt wurde. Später wurde darauf im Konsens verzichtet, weil dies sich doch als erheblicher Kostenfaktor erwies und die WPK sich auf Ihre eigentliche Aufgabe besann: objektive Wissenschaftsberichterstattung zu fördern.

 

Eigene Themen setzen

Die Initiatoren der WPK wollten nicht nur eine Interessenvertretung für gleichgesinnte und problembewusste Kollegen schaffen, so etwas gab es damals schon, sondern mit dazu beitragen, dass eine Plattform entstand, die glaubwürdig war und mit der sie in eigener Initiative brennende Probleme aufgreifen und hinterfragen konnten.

Pressekonferenzen, veranstaltet von Industrie oder anderen Interessengruppen, gab es zu Hauf. Aber oft waren das eher PR-Aktionen, die in Grenzfällen so genannte "faire Hofberichterstattung" verlangten; dafür fanden diese dann auch in einem Umfeld statt, das man heute mit dem Begriff "Wellness" betiteln würde, inklusive Reisekostenerstattung in angenehme Gegenden.

So lag der Wunsch nahe, Themen selbst festzulegen und aus den unterschiedlichsten Aspekten zu diskutieren, und zwar indem wir solche Konferenzen in Eigenorganisation veranstalten würden. Dies hätte auch den Vorteil, dass die Vortragenden von uns nach ihrer Qualifikation ausgewählt werden könnten.

 

Tief bohren für einen festen Stand

Wissenschaftsjournalisten haben - berufsbedingt - das Ohr am Puls der Zeit. Mehr als die Wissenschaftler selbst haben sie Übersicht über die verschiedensten Gebiete und erkennen Vernetzungen, Zusammenhänge ebenso wie Nebenwirkungen und Risiken der Forschung und Wissenschaft.

Ich habe das einmal in einer Diskussion - an der auch der damalige Bundespräsident von Weizsäcker teilnahm - folgendermaßen sinnbildlich ausgedrückt:

Wissenschaftler müssen tief bohren, um einen festen Stand zu finden. Gute Wissenschaftler müssen dann nach Möglichkeit selbst in ihr Bohrloch einsteigen, was logischerweise die Weitsicht beinträchtigt. In dieser Situation sind sie auch froh, wenn oben einer von Bohrloch zu Bohrloch wandert, die Ergebnisse aufgreift und begreift und an diverse Adressaten vermittelt, sowie in einem Übersetzungsvorgang auch an das allgemeine Publikum. Diese Aufgabe kann in idealer Weise der Wissenschaftsjournalist erfüllen, der dann auch noch zur Kommunikation der Wissenschaftler untereinander beitragen kann.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Aufgaben durch Wissenschafts-Pressekonferenzen hervorragend erfüllt werden können, insbesondere wenn es keine reine Verkündungs-Pressekonferenzen sind, wie zum Beispiel bei der Bundespressekonferenz oder in den schon erwähnten Pressekonferenzen bestimmter Interessenten. Genau diese Informationslücke konnte im Rückblick die WPK schließen. Sehr oft entzündeten sich unter den Wissenschaftlern und Journalisten heftige Diskussionen, die jedoch halfen, das jeweilige Problem zumindest zu objektivieren.

 

Bilanz

Die WPK wurde jedenfalls ein Erfolgsmodell. Wenn sie seinerzeit nicht gegründet worden wäre, man müsste sie - heute mehr denn je - erfinden.