WPK-Recherchereise zu BioNTech, HI-TRON, LEIZA nach Mainz, 29.-31. Oktober 2025

(Foto: Magnus Heier)

Frage: Wie lange dauert es, einen Besuch bei BioNTech zu organisieren? (Antwort am Ende dieser Einleitung.) Zwar hatte man uns immer wieder versichert, wir seien beim Mainzer Unternehmen willkommen, im selben Atemzug aber ergänzt: nicht gerade im Moment. Plötzlich Ende August hieß es, Ihr könnt in der letzten Oktober-Woche kommen. Da das Interesse an einem BioNTech-Besuch sehr groß war, haben wir zugesagt, obwohl die Reise in dieselbe Woche fiel wie die bereits lange geplante dritte Rohstoffreise nach Thüringen. Never a dull moment.

Sogar für einen Besuch bei BioNTech lohnt es sich nicht, für einen halben Tag aus entfernteren Teilen Deutschlands anzureisen. So haben sich Magnus Heier und ich Gedanken gemacht, was wir sinnvoll noch in Mainz unternehmen könnten. Naheliegend war ein Termin bei HI-TRON, dem Helmholtz Institute for Translational Oncology, wo – wie man unten lesen kann – sehr interessante Themen zur Krebsforschung bearbeitet werden. Auf Umwegen über das DKFZ, zu dem HI-TRON gehört, haben wir einen anschließenden, thematisch verwandten Termin vereinbaren können. Dort wurden wir sehr herzlich empfangen.

Genauso herzlich empfangen wurden wir bei LEIZA – dem Leibniz-Zentrum für Archäologie, wo wir thematisch völlig andere, aber genauso spannende Einsichten in die Arbeit des ehemaligen Römisch-Germanischen Zentralmuseums erhalten haben: Wie ein neues Forschungsmuseum konzipiert und realisiert wird. Was es mit der antiken Schifffahrt auf sich hat, und wie antike Gegenstände restauriert und kopiert werden.

Was die 20 Teilnehmende in Mainz alles erlebt haben (Link zum Programm) und wie es uns ergangen ist, erfahrt Ihr im Folgenden. Großen Dank an die gastgebenden Institutionen!

Antwort: 18 Monate

Lynda Lich-Knight

BioNTech

BioNTechs Weg zur globalen Innovation

Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks. Mutige Investitionen in Innovationen haben in Mainz seit Jahrhunderten Tradition. (Foto: Karin Schumacher)

Vor 570 Jahren revolutionierte Johannes Gutenberg mit dem Buchdruck von Mainz aus die Welt. Heute ist Mainz erneut Ausgangspunkt einer globalen Innovation: BioNTech entwickelte hier den ersten zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen COVID-19.

Vom Krebsforschungs-Startup zur Pandemieantwort

2008 von Ugur Şahin, Özlem Türeci und Christoph Huber gegründet, fokussierte sich das junge Unternehmen zunächst auf Krebsimmuntherapien. Der Börsengang 2019 brachte 150 Millionen US‑Dollar ein und führte zur Partnerschaft mit Pfizer. Mit „Project Lightspeed“ entstand 2020 der erste zugelassene mRNA‑Impfstoff – ein Meilenstein, da mitten in der Pandemie in Rekordzeit ein wirksamer Impfstoff verfügbar wurde.

 

Globale Präsenz und Pipeline

beschäftigt derzeit rund 6.800 Mitarbeitende, davon 2.800 in Forschung und Entwicklung. Neben Mainz gibt es weitere Standorte in Deutschland sowie international u. a. in den USA, Großbritannien, Singapur und Ruanda. Bislang ist ein Produkt zugelassen – der COVID-19-Impfstoff, von dem über 4,8 Mrd. Dosen in mehr als 180 Länder ausgeliefert wurden. Über 30 weitere Kandidaten befinden sich in der Pipeline, mehr als die Hälfte in der Onkologie.

Durch Übernahmen wie InstaDeep (KI‑gestützte Arzneimittelforschung) und CureVac (langjährige mRNA‑Expertise) sowie Partnerschaften in der Immuntherapie stärkt BioNTech seine Forschungsbasis.

Impfungen: Schutz und Herausforderungen

Analysen anonymisierter Krankenkassendaten aus Thüringen und Sachsen zeigen: Ältere und vorerkrankte Menschen haben weiterhin ein hohes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe [Müller S. et al., Viruses 2025, 17(3):424]. Impfungen senken Hospitalisierungen und Folgeerkrankungen, doch die Impfquoten sind niedrig: 2023/24 erhielten nur 38 % eine Grippeimpfung und 21 % eine Auffrischung gegen COVID-19. Dabei empfiehlt die STIKO jährliche Auffrischungen gegen Influenza und COVID-19 für Menschen über 60, mit Vorerkrankungen oder erhöhtem Expositionsrisiko.

mRNA als Verstärker für Krebsimmuntherapien?

In den spannenden Diskussionen nur am Rande erwähnt, aber hoch interessant und kürzlich publiziert: mRNA-Impfungen können die Wirksamkeit von Immuntherapien gegen bestimmte Tumoren steigern [Grippin A.J. et al., Nature 2025]. Patient:innen mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) oder Melanom zeigten ein deutlich verlängertes Überleben, wenn sie innerhalb der ersten 100 Tagen rund um den Beginn einer Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren (ICIs) eine mRNA-Impfung gegen COVID-19 erhielten. Die Hypothese: mRNA wirkt als Immunstimulans und könnte „kalte“ Tumoren für Immuntherapien empfänglicher machen.

Ausblick

Mit mRNA als Schlüsseltechnologie bleibt BioNTech ein Motor medizinischer Innovation. Visionäre Investitionen haben in Mainz Tradition: Schon Johannes Gutenberg nahm für seine Erfindung einen Kredit von 1.600 Gulden auf, bei einem Jahresverdienst von rund 50 Gulden für einen Handwerksmeister.

Labor-Besichtigung bei BioNTech

Nach einigen Fachvorträgen hatten wir die Gelegenheit, uns die Forschungslabore im BioNTech-Gebäude aus der Nähe anzusehen. Hier wird das Biomolekül mRNA (Boten-Ribonukleinsäure) hergestellt, die Basis für den SARS-CoV 2-Impfstoff und für andere Impfstoffe, die sich in der Entwicklung befinden. In diesen Labors wird außerdem mRNA gegen Krebs vorbereitet. Die Herstellung erfolgt in kleinen Mengen, ausschließlich zu Forschungszwecken. Die Produktion der Impfstoffe im großen Maßstab findet an anderen BioNTech-Standorten statt.

Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX – Foto: Magnus Heier)

Zwei Mitarbeitende erklärten uns die Abläufe und die Besonderheiten des Arbeitens mit RNA. Das Molekül ist äußerst empfindlich und wird schnell in seine Bausteine zerlegt. Wie man inzwischen weiß, ist dafür nicht der chemische Aufbau des Biomoleküls verantwortlich, sondern das Enzym RNAase, das überall vorkommt, wo Menschen oder andere Lebewesen in der Nähe sind. Deshalb müssen Hygiene-Vorschriften bei der Laborarbeit penibel eingehalten werden. Der Schutz vor RNAsen ist auch der Grund dafür, dass wir das Labor nicht betreten durften. Wir schauten von außen durch eine Glasscheibe ins Innere. Dort sahen wir viele Laboreinrichtungen und Automaten, wie sie für molekularbiologisches Arbeiten typisch sind.

Außerdem erhielten wir weitere Auskünfte über die Verpackung der mRNA für die Impfung oder die Therapie. Zur Demonstration nutzten die beiden Mitarbeitenden ein Modell der Lipid-Nanopartikel. Das sind kugelförmige Strukturen, die zu einem großen Teil aus Fettsäureketten bestehen. Sie dienen gleichermaßen dem Schutz wie dem Transport der mRNA im Organismus. Die Bestandteile dieser mRNA-Transporter werden zugeliefert und dann bei BioNTech zusammengebaut. Eine Weiterentwicklung der RNA-Transporter sind so genannte „Lipoplexe“, die bei laufenden klinischen Studien zur Impfung gegen Krebs (Immuntherapie) zum Einsatz kommen.

Michael Lange

Neue Wirkstoffe für die Krebstherapie

International bekannt geworden ist BioNTech 2020 mit einem Corona-Impfstoff. Gegründet wurde das Unternehmen aber 2008 mit dem Ziel, die Krebsmedizin voranzubringen. Diese Vision habe sich seither nicht verändert, sagte der Internist Michael Wenger, Mitglied des BioNTech-Leitungsteams der klinischen Entwicklung von Krebstherapien. In seinem Vortrag wies er auf den jüngsten Quartalsbericht des Unternehmens hin, demzufolge das Unternehmen aktuell 18 verschiedene Produktkandidaten gegen Krebs entwickelt und mehr als 20 klinische Studien in den fortgeschrittenen Phasen 2 und 3 unterhält. „Wir streben an, Patienten eine auf ihren Tumor zugeschnittene Therapie bereitzustellen, die zugleich effizient und nebenwirkungsarm ist“, sagte Wenger. Ein Allheilmittel gegen Krebs sei jedoch nicht zu erwarten. Vielmehr gehe es darum, mehrere Ansätze geschickt miteinander zu kombinieren und dabei bewährte mit neuen Strategien zu verknüpfen.

(Foto: BioNTech)

Eine Neuheit ist die Substanz BNT327 (Wirkstoffname: Pumitamig) von BioNTech, die gerade in mehreren Studien für unterschiedliche Krebsarten geprüft wird. Am weitesten fortgeschritten ist eine großangelegte Studie für den Einsatz gegen Lungenkrebs. Auch gegen Brustkrebs wird der Wirkstoff geprüft, und zwar mit Patientinnen mit besonders schwer zu behandelnden TNBC-Tumoren (Triple Negative Breast Cancer). „Die Ergebnisse in den klinischen Phasen 1 und 2 sind sehr gut“, berichtete Michael Wenger. Neue Daten will BioNTech beim renommierten San-Antonio-Brustkrebssymposium im Dezember vorstellen. Eine globale Phase-3-Studie gegen dreifach negativen Brustkrebs, in der sich BNT327 gegen die Standardtherapie behaupten muss, sei in Vorbereitung.

BNT327 ist ein bispezifischer Antikörper, der zwei Wirkweisen verbindet: Er kann zum einen die Bildung neuer Blutgefäße hemmen und damit die Versorgung des Tumors behindern, zum anderen den Tumor für das Immunsystem angreifbar machen. Im Unterschied zu den mRNA-basierten Immuntherapien gegen Krebs im BioNTech-Portfolio handelt es sich bei BNT327 um ein immunmodulierendes Präparat.

Entwickelt wurde der Wirkstoff nicht in Mainz, sondern von dem chinesischen Unternehmen Biotheus, das BioNTech Ende letzten Jahres für eine knappe Milliarde Dollar übernommen hat. Für die Weiterentwicklung und Vermarktung hat sich BioNTech den US-Pharma-Riesen Bristol Myers Squibb (BMS) an die Seite geholt. BMS unterstützt das Projekt mit

Milliardensummen.

Lilo Berg

HI-TRON

Auf der Suche nach Biomarkern und Neoantigenen

Erläuterungen im Labor mit  Prof. Dr. Niels Halama (Foto: Lynda Lich-Knight)

Möchte man wie BioNTech personalisierte Krebsimmuntherapien entwickeln, muss man wissen, was Tumorzellen von gesundem Gewebe im Körper unterscheidet. “Man muss dem Immunsystem sagen, da ist der Tumor, den musst du erkennen”, sagt Stefan Tenzer. Der Immunologe leitet am Helmholtz-Institut für Translationale Onkologie (HI-TRON) in Mainz die Abteilung Immunoproteomics und stellt in einem Vortrag seine Forschungsarbeit vor. Mit seinem Team sucht er nach Biomarkern und Neoantigenen, molekularen Signaturen, die für den Tumor spezifisch sind.

Krebs entwickelt sich aus körpereigenen Zellen: Zellen wachsen, in ihnen häufen sich Mutationen an, die Zellen entarten und ein Tumor entsteht. Das Immunsystem befindet sich in einem ständigen Kampf mit dem Tumor, will ihn zurückdrängen, eliminieren. Dabei zerlegen bestimmte Immunzellen die Krebszellen und präsentieren die Bruchstücke ihren Immunsystem-Mitstreitern, sodass diese den Krebs erkennen können. Krebszellen unterscheiden sich aber nur gering vom Normalgewebe – immerhin sind sie einmal aus ihm entstanden. Will man das Immunsystem durch Therapien scharfmachen, um den Tumor auszulöschen, muss es Krebszellen als “fremd” erkennen. Deswegen verwendet Stefan Tenzer die Methode der Immunopeptidomik, um Neoantigene zu identifizieren. Ein Neoantigen ist also etwas, das der Körper noch nicht kennt, das er als “fremd” identifiziert. Stefan Tenzer schlüsselt mithilfe der Massenspektrometrie auf, welche der Bestandteile, die Immunzellen präsentieren, einzigartig für den Tumor sind. Die Bauanleitung für diese wird später in mRNA verschlüsselt und Patienten verabreicht, um ihre körpereigenen T-Zellen auf die Tumorzellen abzurichten und den Krebs gezielt anzugreifen.

Sina Metz

Zukunftskonzept Kombinatorische Immuntherapie

Bei der zellulären Immuntherapie wird das körpereigene Abwehrsystem gezielt aktiviert, um Tumorzellen zu erkennen und zu zerstören. „Diese Verfahren sind äußerst anspruchsvoll“, erläutert Professor Dr. Niels Halama, Leiter der Abteilung Tumorimmunologie und Immuntherapie am Helmholtz Institute for Translational Oncology Mainz. „Es gilt, die Toleranz des Immunsystems gegenüber dem Tumor zu durchbrechen, ohne dabei eine Überreaktion auszulösen, die in Autoimmunität münden könnte.“

Ein innovativer Ansatz innerhalb dieser Strategien ist die CAR-T-Zell-Therapie (Chimäre Antigenrezeptor-T-Zellen). Dabei werden Immunzellen von Patient:innen im Labor gentechnisch so verändert, dass sie spezifische Strukturen auf Tumorzellen erkennen und gezielt angreifen können. Während dieses Verfahren bei hämatologischen Krebserkrankungen wie Leukämien bereits eindrucksvolle Erfolge zeigt, bleibt der Nutzen bei soliden Tumoren bislang begrenzt.

(Foto Christina Sartori)

Hier setzt Niels Halama mit einem ergänzenden Konzept an: mRNA-basierte therapeutische Krebsimpfungen könnten das Immunsystem an einem weiteren Punkt stimulieren. Die mRNA wird so programmiert, dass sie dem Körper den Bauplan für charakteristische Oberflächenmerkmale von Krebszellen, so genannte Neoantigene, liefert. Das Immunsystem erkennt diese Strukturen als fremd und lernt, die entsprechenden Tumorzellen gezielt zu bekämpfen. Ziel dieser Vakzinierung ist es, das Immunsystem so zu trainieren, dass es auch mikroskopisch kleine Krebsreste erkennt und eliminiert, um Tumorrezidive zu verhindern.

Die Auswahl geeigneter Neoantigene für die mRNA-Vakzine stellt dabei eine Herausforderung dar. Zwar finden sich in vielen Tumoren zahlreiche potenzielle Zielstrukturen, doch müssen mithilfe von Künstlicher Intelligenz jene identifiziert und kombiniert werden, die die stärkste Immunantwort hervorrufen. Eine entscheidende offene Frage ist zudem, welche Rolle veränderte Antigenmuster in Metastasen spielen und ob deren Dynamik neue, klinisch relevante Angriffspunkte für die Immuntherapie eröffnet.

„Besonders aussichtsreich erscheint der Einsatz der mRNA-Impfung in einer Situation minimaler Resttumorlast“, betont der Onkologe. „Also dann, wenn der Tumor durch Operation oder Strahlentherapie bereits stark reduziert wurde.“

Hanne Gießen

Mensch und Mikroskop in Mainz

Am HI-TRON Mainz wurden wir mit offenen Armen begrüßt.

In einem ausführlichen Vortrag in atemberaubender Sprechgeschwindigkeit ging es um Forschung zum Thema Krebs und Immunsystem: Zum Beispiel, wie es Tumoren gelingt, dem Immunsystem zu entgehen, welche Tricks Krebszellen auf Lager haben … es waren irre viele Informationen, spannend erzählt. Wir durften so viele Fragen stellen, wie wir wollten – und das haben wir auch gemacht.

(Foto: Christina Sartori)

Aber dann ging es durch die Labore. Ein Highlight: Ein ganz normaler Raum mit einem außergewöhnlichen Mikroskop. Uns präsentiert von dem Menschen, der sich seit Monaten mit diesem Mikroskop vertraut macht und völlig begeistert von diesem Super-Mikroskop ist. Ich glaube, es ist ein Lattice Light Sheet Microscope, ganz sicher bin ich nicht. Aber was bei mir in deutlichster Erinnerung geblieben ist: Diese Begeisterung, mit der dieser junge Wissenschaftler uns „sein“ Mikroskop vorgestellt hat. Das war ansteckend! Na klar, auch die Bilder, die man auf dem großen gebogenen Monitor sehen konnte, von einzelnen Zellen, je nach Typ in unterschiedlicher Farbe, waren beeindruckend. Die Tatsache, dass mit diesem Mikroskop Zellen auf verschiedenen Ebenen dargestellt werden können, also quasi von oben nach unten „durchleuchtet“ werden – cool. Aber am allerbesten war es zu sehen, wie da jemand mit vollem Körpereinsatz erklärt, wie dieses Mikroskop funktioniert.

(Foto: Christina Sartori)

In kurz, ganz grob: Mit diesem Mikroskop können verschiedene Arbeitsgruppen im Haus Proben mit Zellen untersuchen lassen, um z.B. zu erkennen, welche Zellen miteinander interagieren, ob verschiedene Zellen unterschiedlich verteilt sind und noch viel mehr. Das Prinzip beruht darauf, dass unterschiedliche Zellen unterschiedliche Schwingungen verursachen und dass das Mikroskop diese Unterschiede darstellen kann. Dieses Mikroskop beruht auf der Idee eines Nobelpreisträgers, es gibt nicht viele von diesen Mikroskopen (teuer!!) und einige Monate intensiver „Zusammenarbeit“ reichen noch nicht, um es komplett richtig eingerichtet und eingearbeitet zu haben. Da gibt es noch viel mehr zu tun, einzustellen, herauszufinden, verkündete der junge

Mann uns und strahlte übers ganze Gesicht!

Ich habe gelernt:

  1. Man kann viel mehr darstellen, auf Zellebene, als ich bisher gedacht habe
  2. Forschung kann begeistern

Vielen Dank, dass dieser Laborbesuch möglich war.

Christina Sartori

LEIZA

Archäologie: Vom kulturellen Beifang zur vollwertigen Sozialwissenschaft

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ wurde 2011 zu einem Weltbestseller. Der Clou: Statt einer detaillierten Rekonstruktion der Geschichte präsentierte sein Autor Yuval Noah Harari eine Art Erklärung, wie der Mensch angekommen ist in den Widersprüchen und Verwerfungen der Gegenwart. Harari ist kein Archäologe, aber er wertete zahlreiche Erkenntnisse von Archäologen aus.

Under construction – das neue LEIZA Museum (Foto: Magnus Heier)

Geht es nach Dominik Maschek, dem stellvertretenden Direktor des neuen Leibniz-Zentrums für Archäologie, dann soll seine Wissenschaftsdisziplin die menschheitsgeschichtliche Ausdeutung der eigenen Daten künftig selbst übernehmen. Denn Archäologen können durch die Erforschung vergangener Kulturen auch einen Beitrag zu den sozialwissenschaftlichen und anthropologischen Debatten der Gegenwart leisten.

„Unser großer Vorteil in der Archäologie ist, dass wir das Resultat von Prozessen sehen. Beobachtende Soziologie hat dagegen meist Unabgeschlossenes vor sich“, sagt er. Zwar könnten Archäologen auf der Basis von Daten aus drei Millionen Jahren Menschheitsgeschichte nicht die Zukunft vorhersagen. „Aber es gibt bestimmte Muster, die sich erkennen lassen, und wir sehen Prozesse vom Anfang, über den Höhepunkt, bis zum Ende“, sagt Maschek.

Für die Forscherinnen und Forscher, die sich bislang vor allem um das Ausgraben und die Rekonstruktion der materiellen Hinterlassenschaften vergangener Kulturen gekümmert haben, ist das durchaus Neuland. Denn traditionell sei die Disziplin eher ein „kultureller Beifang“ gewesen – man bestückte historische Museen und regte die Besucher zu gedanklichen Reisen in die ferne Vergangenheit an.

Dabei kann die Archäologie auch etwas zu den beunruhigenden Entwicklungen der Gegenwart sagen. „Ohne dass man in ein Krisennarrativ verfällt, kann man schon sagen: Wir können bestimmte Indikatoren in der materiellen Kultur festmachen, die darauf hinweisen, dass die Spannungen in einer Gesellschaft zunehmen“, sagt Maschek.

Warum die Menschen das Leben heute oftmals als widersprüchlich empfinden, fasst Archäologe Lutz Kindler zusammen: „Wir haben zwar einen modernen Schädel und müssen in einer modernen Welt zurechtkommen, aber der Geist, der dahintersteht, ist steinzeitlich.“

Clemens Haug

Restaurierungswerkstätten – von Hi-Tech und Handwerk

(Foto: Elli Lason)

Ob Schrotthaufen, verrostete Klappmesser oder ein Schiffswrack aus dem Matsch. Gebrauchte Gegenstände aus römischer Zeit für die Forschung wiederherzustellen, gehört zur Expertise des LEIZA. Und auch: Erkenntnisse über das Wesen der Menschen daraus zu ziehen.

Auf dem Weg dorthin gilt es Rost, Matsch und Verwitterung kunstgerecht zu entfernen, ohne dass das Original leidet. Beim Gang durch die Werkstätten des LEIZA begegneten uns dazu enthusiastische Menschen aus Kunsthandwerk, Restaurierung und Forschung, mitunter in einer Person vereint. In jedem Fall Expert:innen für viele Dinge, die Menschen einmal verwendeten und vielleicht wieder nutzen sollten.

Von den Römern lernen. Duft von nassem Holz.

Peter Werther enthüllt für uns den Duft alten Holzes und ein konserviertes Stück Römerschiff (Foto: Elli Lason)

Peter Werther ist Schiffsbauer aus Danzig. Er hat nicht nur die Gorch Fock und Teile der Santa Maria nachgebaut, sondern restaurierte auch römische Schiffswracks. Jene Römerschiffe, die in Mainz Anfang der 1980er Jahre bei Bauarbeiten nahe des Rheins gefunden wurden. Daraufhin entstand hier ein neuer Forschungszweig mit Schwerpunkt Nassholzkonservierung.

Fasziniert von den außergewöhnlichen handwerklichen Fähigkeiten und der nachhaltigen Qualität, restaurierte Werther die Schiffe nicht nur, er baute manches auch nach. Originalgetreu und per Hand. Aus dem gleichen Holz und jeder Nagel wie das Vorbild. Für ihn sollten Kenntnisse von früher auch heute und in der Zukunft genutzt werden. Interessant seien die Erkenntnisse aus dem römischen Schiffsbau für Globalisierung und Mobilität.

Der Tomograf scannt, der Computer entrollt.

Nägel in verfestigtem Matsch braucht man übrigens nicht unbedingt mühevoll freizupräparieren. Es reicht mitunter, Jana Kunze und Stephan Patscher ein unbestimmtes Konglomerat anzuvertrauen.

Jana Kunze erklärt den Computertomographen (Foto: Elli Lason)

Im Keller steht ihnen ein High-End-Computertomograph zur Verfügung. Mit zwei Mikrometer Auflösung und zwei Strahlungsquellen, die Material aus Blockbergungen bis 100 kg schwer, eineinhalb Meter hoch und knapp einem Meter breit durchscannen können. Der Computer rechnet, Absorptionsdifferenzen ermöglichen es, sich Gegenstände verschiedener Materialien ohne den störenden Schlamm drumherum am Bildschirm genau zu betrachten.

Stephan Patscher bei der Auswertung eines römischen Schrott-Konglomerats. (Foto: Elli Lason)

Aufsehen erregte diese Technik, als Expert*innen sie dafür einsetzten, die Inschrift auf einer eingerollten hauchdünnen Silberfolie lesbar zu machen. Wenn Silber altert, entsteht daraus Silberbromid. Ein sehr brösliges Material. Wäre die zarte Schriftrolle – egal wie vorsichtig – entrollt worden: Die Inschrift aus dem 3. Jahrhundert wäre vielleicht nie wieder gelesen worden. Wer wissen will, was die Frankfurter Silberinschrift erzählt, hier ein Link auf ein Video . Kleiner Tipp: Es ist ein Amulett in der sich die feine Silberfolie befand.  Das Röllchen gilt übrigens als eines der frühesten materiellen Zeugnisse des Christentums nördlich der Alpen.

Scan as scan can – auch ganz fein und in 3D

Kopien originalgetreu nachzubauen, auch um sie Besuchenden des Museums oder weltweit zeigen zu können, ist Markenzeichen des LEIZA. Aber nicht jedes Original verträgt einen Abdruck von sich. Bei sensiblen Stücken, sind dafür 3-D-Scan und -Druck möglich.

Vermessungsingenieurin Anja Cramer erläuterte uns wie das geht und auch, dass am Ende die Originalfarben gezeigt werden sollen – und nicht die verblichenen aus dem Fundstück. Wie bei der Kunststoffkopie eines bräunlichen eisernen römischen Klappmessers mit Elfenbeingriff eines Gladiators. Bemalt, wie ursprünglich benutzt, leuchtete das Kämpferschild schließlich in Rot und Blau. Infos dazu, welche Pigmente und welches Material ursprünglich verwendet wurden, liefern weitere Geräte der sogenannten Imaging Platform at LEIZA (IMPALA). Mit dabei ist der bereits erwähnte Computertomograph, außerdem: Stereo-, Licht-, Digital-, konfokale und Rasterelektronenmikroskope sowie 3D-Strukturlichtscanner.

Kunstvoll kopiert

Rüdiger Lehnert vor kunstvoll Kopiertem (Foto: Elli Lason)

Zu Farben und schwierig zu rekonstruierenden Materialien – wie buntes Glas –, kennt sich Rüdiger Lehnert aus und erläutert, was alles machbar ist. Vor ihm auf dem Tisch liegen eine angebissene Schokoladentafel, eine grüne Glasschüssel, die einer Puddingform ähnelt, mehrere handgroße Bronzefiguren. – Alles täuschend echt, und doch komplett nahgemacht! Ganz dem Prinzip folgend: Materialwissenschaft trifft auf Handwerkskunst.

Ulrike Lehnert mit Kopie und Fälschung eines römischen Helms. Doch: Was ist was? (Foto: Elli Lason)

Ulrike Lehnert ist ursprünglich Uhrenmacherin und bildete sich nach und nach zur archäologischen Metallrestauratorin weiter. Sie bemalt, nein: betupft, vorsichtig Punkt um Punkt einen Helm. Das Spektrum von Metallfarben, die sie sich umsichtig zusammenmischt, gibt´s in keinem Schulmalkasten. Direkt daneben steht das Original. Es ist der Kopie erstaunlich ähnlich. Der Glanz von Silber und Gold sei besonders schwer zu kopieren, sagt Lehnert. Und erklärt, wie sie die Farbe mit Fingerspitzengefühl vorsichtig aufmassiert und sich dabei an Pickelchen an den Helmoberflächen orientiert. Auf die Frage, ob sie schon einmal Original und Kopie verwechselt habe, gesteht sie: Ja. Bemerkt habe sie es erst, als sie den Helm anhob: Zu schwer für eine Kopie.

Die Lehnerts gehören zum Expert*innen-Team, das sich im Projekt Kulturgutretter von LEIZA und anderen Partnern engagiert. Das Projekt will künftig einen Mechanismus bereithalten „für die schnelle Hilfe zum Schutz und Erhalt von Kulturerbe in Krisensituationen weltweit.“

Mein Fazit:

Für Wissenschaftsjournalist*innen gibt es auch in den LEIZA Restaurierungswerkstätten viel Aktuelles über Altes zu berichten, und nicht zuletzt: zur Bedeutung von (Kunst-)Handwerk für die Wissenschaft.

Elli Lason