Einladung zum Dialog an die ARD und den Deutschlandfunk
Liebe Frau Leopold, lieber Herr Bornheim, Liebe Frau Teichmann,
wir wenden uns an Sie in ihrer Eigenschaft als Chefredaktion von ARD-aktuell und als Programmdirektorin des Deutschlandfunks, weil uns die geplanten Umstrukturierungen und Programmreformen in ihren Häusern große Sorge bereiten. Dazu möchte die Wissenschaftspressekonferenz e.V. (WPK) als Berufsverband der Wissenschaftsjournalist:innen Sie zu einem konstruktiven Dialog einladen.
Durch die Auflösung des Ressorts Wissen in der tagesschau fällt nach unserem Kenntnisstand die koordinierende Stelle weg, die Wissenschaftsthemen aus den Kompetenzzentren der Landesrundfunkanstalten in die Redaktionskonferenzen der tagesschau eingespeist hat. Ohne zentralen Ansprechpartner mit wissenschafts- journalistischem Hintergrund in der Redaktion in Hamburg droht ein Verlust an relevanten wissenschaftlichen Themen im redaktionellen Angebot der reichweitenstärksten Nachrichtensendung des Landes.
Dabei wurde das Ressort Wissen vor vier Jahren geschaffen, um, wie es Juliane Leopold damals beschrieb, auf den Bedarf des Publikums nach „mehr Hintergrund- informationen und Einordnung von Nachrichten“ zu reagieren, da es ein „großes Bedürfnis nach wissenschaftsjournalistischer Kompetenz unter dem Absender tagesschau“ gebe. „Das Ressort Wissen ist eine Investition in die Zukunft“, sagte Herr Bornheim damals: „Hier sammeln wir die Expertise zu wissenschaftlichen Themen. (…) Die gesamte Marke tagesschau wird dadurch gestärkt.“ Uns würde sehr interessieren, warum Sie nun in den aktuellen Sparzwängen ausgerechnet das Ressort Wissen für obsolet halten – und wie Sie dem Bedürfnis des Publikums ohne wissenschafts- journalistische Expertise in der tagesschau-Redaktion gerecht werden wollen.
Auch die Programmreformen des Deutschlandfunks werden die Arbeit von Wissenschaftsjournalist:innen voraussichtlich erschweren insbesondere die unserer freien Kolleginnen und Kollegen. Es freut uns zwar sehr, dass die Sendeplätze für Wissenschaftsthemen in Summe der Sendeminuten erhalten bleiben. Dennoch fürchten wir, dass die verstärkte Wiederholung von Podcasts aus den digitalen Kanälen im linearen Programm bisherige Plätze für aufwendige Recherchen verdrängt.
Dass wissenschaftliche Themen stärker in den reichweitenstärkeren Informationssendungen am Morgen, Mittag und Abend stattfinden sollen, ist prinzipiell ebenfalls ein guter Gedanke. Das angedachte „Pitch“-Modell macht die Platzierung von relevanten Wissenschaftsthemen jedoch von wechselnden Mehrheiten in der Pitch-Jury abhängig und scheint uns hochgradig anfällig für Zufälle.
Vor allem wird die Rolle der freien Mitarbeiter:innen, auf deren Fachwissen die Programmqualität des Deutschlandfunks basiert, weiter geschwächt. Wenn es weniger Plätze für Kurzbeiträge geben soll, torpediert dies das Modell der Fachautor:innen: Formate wie Konferenz- oder Veranstaltungsberichte haben es Freien bislang ermöglicht, an Themen dranzubleiben, tiefer zu recherchieren und längere Beiträge mit inhaltlicher Tiefe zu erstellen. Die Programmdirektion hat versprochen, dass ihr dieses Problem bewusst sei und sie an einer „anderen Form der Honorierung“ arbeite, damit Freie auch in Zukunft ihre Arbeit finanzieren können. Wie soll dieses neue Modell der Honorierung aussehen?
Liebe Frau Leopold, lieber Herr Bornheim, liebe Frau Teichmann, wir hoffen, dass Sie unser Angebot zum Dialog annehmen. Die geplanten Umstrukturierungen und Reformen bedrohen aus unserer Sicht die Sichtbarkeit und Qualitätssicherung von Wissenschaftsthemen in einer neuen Dimension. Das wäre für eine Gesellschaft, deren Debatten und Diskurse fast immer einen wissenschaftlichen Kern haben, ein ausnehmend schlechtes Zeichen. Erst recht in Zeiten, in denen Demokratie und Wissenschaftsfreiheit tagtäglich attackiert werden.
