Keine resiliente Demokratie ohne Wissenschaftsjournalismus. Thesen für unsere Zukunft

Zu allen Zeiten in der Geschichte der WPK war die politische Bedeutung des Wissenschaftsjournalismus sichtbar: Schon im Gründungsjahr 1986 mit der AIDS-Krise, der Challenger-Katastrophe, dem Tschernobyl-GAU und dem Sandoz-Großbrand. Und die wichtigen Themen blieben: Globale Treibhausgasbilanzen, Ozonloch, Feinstaubbelastung, Dieselgate. Die Relevanz des Wissenschaftsjournalismus zeigte sich im Kampf gegen pseudowissenschaftliche Narrative von Impfgegnern und fehlgeleitete Übersterblichkeitsberechnungen während der Corona-Pandemie, bei der Kartierung von PFAS in der Umwelt, der jährlichen Einordnung der Polizeilichen Kriminalstatistik, als Korrektiv im evidenzarmen Streit um das so genannte „Heizungsgesetz“, in der aufgeheizten Debatte um ein Social-Media-Verbot für Kinder. Die Liste könnte man endlos so fortsetzen.

Ohne wissenschaftsjournalistische Einordnung und Analyse wären viele dieser Themen womöglich gar nicht oder nur unzureichend in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Viele Debatten würden faktenfern und rein ideologiegetrieben geführt. Dabei ist der Wissenschaftsjournalismus so viel mehr als „Erklärbar“ und Evidenzvermittler: Er hat eine wichtige Kontrollfunktion für das Wissenschaftssystem, für Machtdynamiken und Finanzierungslogiken, er ist Impulsgeber und Dialogpartner in ganz verschiedene Richtungen.

Doch gerade in Zeiten einer verwundbaren Demokratie wird der Boden, auf dem wir stehen, instabiler: Die Wissenschaftsfreiheit gerät weltweit unter Druck. Die Trump-Administration streicht Forschungsgelder für ganze Fachbereiche, mit gewaltigen Auswirkungen auf die Weltgesundheit. Die AfD attackiert nicht nur die Gender- und Klimaforschung, sondern auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sender und große Medienhäuser im deutschsprachigen Raum streichen Programmplätze zusammen oder schaffen Wissenschaftsressorts gleich ganz ab. Der Forschungsausschuss des Bundestags tagt nicht mehr öffentlich. Die Unionsfraktion stellt die Gemeinnützigkeit zivilgesellschaftlicher Institutionen in Frage – darunter auch die unabhängiger Rechercheteams. Die Bundesregierung legt Hand an das Informationsfreiheitsgesetz. Und nicht zuletzt stößt ein an der Ostsee gestrandeter Buckelwal eine öffentliche Empörungsdynamik an – deren postfaktische Verwerfungen und politischer Impact staunen machen. Allesamt Indikatoren für neue Herausforderungen an das politische Selbstverständnis eines zukunftsorientierten Wissenschaftsjournalismus.

Im WPK-Jubiläumsjahr haben wir deshalb einen Dialogprozess zu diesen Herausforderungen angestoßen. Wir wollten keine Thesen- oder Vorstandskommission, die hinter verschlossenen Türen ein Papier verfasst, über das dann abgestimmt wird. Denn wir wissen, dass sich der Wissenschaftsjournalismus zwar eigene Regeln und Qualitätsmerkmale setzen, aber nicht ohne seine Umgebung arbeiten kann. Deshalb haben wir mit verschiedenen Akteuren aus allen Bereichen des wissenschaftsjournalistischen Ökosystems gesprochen und ihre Meinungen eingeholt. Am Ende dieses einjährigen Prozesses stehen 20 Thesen.

Diese erste Wegstrecke markiert dabei zugleich einen Anfang. Die Thesen sind eine Einladung zum Aufbruch in die nächste Etappe, ein Impuls, um weitere Diskussionen anzuregen. Sie sollen kein umfassendes und abschließendes Leitbild sein, kein Verhaltenskodex. Denn auch die skizzierten Veränderungen sind kein abgeschlossener Prozess – und umfassen so viel mehr als den gesellschaftspolitischen Fokus. Insbesondere technologische Entwicklungen beeinflussen die Anforderungen an unser Handwerk, Fragestellungen und Fallstricke – aber eröffnen auch Möglichkeiten.

Die Debatte um die Rolle des Wissenschaftsjournalismus muss also weitergehen: Für unseren Beitrag zu einer resilienten Demokratie, der vielleicht noch nie in der Geschichte der WPK so nötig war wie jetzt.

Wir bedanken uns herzlich für ihren Beitrag zu diesem Dialogprozess bei allen teilnehmenden Mitgliedern, bei Ayse Asar, Carsten Brosda, Michael Brüggemann, Elisabeth Hoffmann, Hanna Pfeifer, Viola Priesemann, Jens Rehländer und Andreas Sentker.

(Die folgenden Thesen werden im Rahmen der WISSENSWERTE 2026 in Hannover vorgestellt) 

Thesen für einen zukunftsrelevanten Wissenschaftsjournalismus in einer resilienten Demokratie

(1) Wissenschaftsjournalismus hat eine politische Wächterfunktion in der Demokratie. Er leistet einen wichtigen Beitrag, um Debatten zu versachlichen, weil er einordnen kann, inwieweit Behauptungen fakten- und evidenzbasiert sind.  

(2) Wissenschaftsjournalismus ist aufklärerisch tätig, weil er Menschen helfen will, auf Basis des bestmöglichen Wissens selbstbestimmt zu urteilen. Darum kann er nicht unpolitisch sein, weil er in vielen Themengebieten Zusammenhänge hinterfragen muss. Er darf auch Veränderungen anstoßen wollen, solange die zugrunde liegenden journalistischen Werte transparent gemacht werden und klar zwischen Sachstand und politischer Einordnung getrennt wird.

(3) Wissenschaftsfreiheit und Pressefreiheit gehören untrennbar zusammen, weil sie in Wechselwirkungzueinander stehen. Fällt eine dieser Säulen, kippt die andere mit. Wissenschaftsjournalist:innen sollten den Schutz beider Grundrechte im Blick haben und sich aktiv vernehmbar für sie einsetzen, wenn sie in Gefahr geraten.

(4) Wissenschaftsjournalist:innen müssen im redaktionellen Alltag mehr für einen gleichberechtigten Platz neben politik- und wirtschaftsjournalistischen Perspektiven streiten. Stärker als bisher sollten sie Themen gemeinsam mit anderen Ressorts bearbeiten, die Perspektivenvielfalt vergrößern und dabei auch Wissens- und Methodentransfer leisten.

(5) Weil die Logiken öffentlicher Kommunikation und wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse nicht immer kompatibel sind, ist der Wissenschafts-journalismus für die Gesellschaft essenziell: als Vermittler wissenschaftlicher Erkenntnisse und kritischer Beobachter des Wissenschaftssystems sowie der Auswirkungen von Wissenschaft auf die Gesellschaft.

(6) Spezialisierter Wissenschaftsjournalismus kann vor allem in Krisenzeiten für die Politikberatung relevant sein, besonders in der ressortübergreifenden Zusammenarbeit. Dabei kann er oft mehr Einordnung in den Gesamtkontext und Güterabwägung leisten als einzelne kommunizierende Wissenschaftler.

(7) Der Wissenschaftsjournalismus sollte sich stärker in der Berichterstattung und Analyse sozial- und geisteswissenschaftlicher Themen engagieren und sie nicht allein anderen Ressorts überlassen. Damit kann er auch Tendenzen entgegenwirken, dass wissenschaftliche Konzepte in politischen Debatten mit Meinungsäußerungen verwechselt werden.

(8) Wissenschaftsjournalist:innen sollten verstärkt auf einen möglichen eigenen Bias achten, der aus großer Nähe zu Forschenden und gemeinsamer normativer Wertebasis entstehen kann.

(9) Der Wissenschaftsjournalismus sollte akademische Strukturen, politische Finanzierungslogiken und – in Zeiten von KI – verstärkt auch Prozesse der Wissensproduktion hinterfragen. Ein kritischer Wissenschaftsjournalismus schafft auch Vertrauen in die Wissenschaft an sich.

(10) Wissenschaftsjournalismus sollte sich klar von institutionalisierter Wissenschaftskommunikation abgrenzen und PR-Narrative dekonstruieren. Dazu gehört auch, Einzelstudien in den gesamten Forschungskontexteinzuordnen, um sich vom Marketing der Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen, Unternehmen und Politik unabhängig zu machen.

(11) Wissenschaftsjournalist:innen sollten sich deutlich mehr darum bemühen, auch für ein Publikum außerhalb der akademischen Echokammer zu berichten: durch neue Formate auf Social Media, eine größere Themenbandbreite, inklusive Sprache, eine Öffnung für andere lebensweltliche Zugänge und eine konstruktive Haltung. Raus aus der Komfortzone!

(12) Wissenschaftsjournalist:innen tragen Verantwortung dafür, dass gesellschaftlich relevante Themen auch dann im öffentlichen Fokus sind, wenn sie nicht auf der Prioritätenliste der politisch Verantwortlichen stehen.

(13) Der Wissenschaftsjournalismus sollte die Mechanismenseiner Arbeit und wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse transparent machen. Das schafft Vertrauen und verdeutlicht seine Rolle für eine resiliente Demokratie. Auch in Zeiten von KI behalten Qualitätsstandards ihre unveränderte Relevanz.

(14) In einem zunehmend wissenschaftsskeptischen Klima haben Wissenschaftsjournalist:innen eine Schutzpflicht gegenüber Forschenden: Sie sollten dafür Sorge tragen, dass ihre Protagonist:innen und Gesprächspartner:innendurch ihre Berichterstattung nicht zum Zielobjekt von Angriffen werden.

(15) Wissenschaftsjournalist:innen sollten der Wissenschaft spiegeln, was die Gesellschaft von ihr erwartet. Sie wirken auch anregend ins Wissenschaftssystem hinein: als Impulsgeber für Forschungsinhalte, für normative Debatten, gegen vorauseilenden Gehorsam und Self-Silencing.

Die Rolle der anderen Akteure im Ökosystem

(1) Medienhäuser sollten den Wissenschaftsjournalismus als unabdingbares, zukunftsrelevantes und nicht verhandelbares Ressort bewahren und strukturelle Kooperationen mit anderen Ressorts fördern.

(2) Eine reine Fokussierung auf Ratgeber- und Nutzwertthemen reicht nicht aus. Fast alle gesellschaftlichen Debatten und Diskurse haben einen wissenschaftlichen Kern. Darüber ohne wissenschaftsjournalistische Kompetenz zu berichten, behindert die Zukunftsfähigkeit der Informationsgesellschaft.

(3) Forschende sollten aktiv mitwirken, was die Kommunikation ihrer Erkenntnisse an wissenschaftsferne Menschen angeht, um dem Wissenschaftsjournalismus eine breite gesellschaftliche Reichweite zu ermöglichen. Beide stehen dabei in einem produktiven Spannungsverhältnis, das auch institutionell unterstützt werden sollte.

(4) Die Politik sollte die Rahmenbedingungen für den Wissenschaftsjournalismus stärken, insbesondere für frei arbeitende Kolleg:innen mit großer Fachexpertise, die den Wissenschaftsjournalismus in besonderem Maße tragen. Dazu gehört auch, rechtliche Instrumente wie das Informationsfreiheitsgesetz uneingeschränkt zu bewahren.

(5) Die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus kann nicht allein aus sich selbst heraus gesichert werden. Es handelt sich um eine gemeinsame Verantwortung von Medienhäusern, Kommunikator:innen, Forschenden, Politik und finanziellen Trägern.

Köln | Oktober 2026

[WPK Vorstand]